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    Psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch - und trotzdem häufig unentdeckt . Wenn sich die Seele hinter dem Körper versteckt

    Wenn sich die Seele hinter dem Körper versteckt
    Psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch - und trotzdem häufig unentdeckt

    Nach einer aktuellen Untersuchung der BARMER (1) hat Hamburg im Bundesvergleich den höchsten Anteil psychischer Erkrankungen. Auch bundesweit sind psychische Erkrankungen, allen voran depressive Störungen, auf dem Vormarsch. (2) Dennoch bleiben sie in vielen Fällen unentdeckt, wie der vor kurzem veröffentlichte Gesundheitsmonitor der Bertelsmann-Stiftung (3) zeigt. Dementsprechend groß ist der Bedarf an effektiven Diagnose- und Therapieoptionen.

    Allgemeinmediziner diskutierten

    Rund 70 Allgemeinmediziner aus dem Großraum Hamburg hatten am Wochenende Gelegenheit, sich mit Klinikärzten und Wissenschaftlern auszutauschen und aktuelle Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten für die Therapie psychosomatischer Erkrankungen kennen zu lernen. Auf dem Programm der zweitägigen Fortbildungs-veranstaltung, die die Unternehmen Boehringer Ingelheim und Eli Lilly in Kooperation mit der Universitären Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Schön Klinik Hamburg-Eilbek organisiert haben, standen Vorträge, Patienten-gespräche und Workshops.

    Schwierige Diagnose einer psychischen Erkrankung

    Die Diagnose einer psychischen Erkrankung kann in mehrfacher Hinsicht problematisch sein. Denn in vielen Fällen leiden die Patienten gleichzeitig an körperlichen Beschwerden, wie Herzproblemen oder Schmerzen, die auch Hinweis auf eine rein somatische Krankheit sein können. Zudem haben viele Patienten nicht den Mut, von sich aus über ihre psychischen Probleme zu sprechen. Erschwerend kommt hinzu: Ansprechpartner Nr.1 ist für die meisten Betroffenen nicht der auf psychische Erkrankungen spezialisierte Fachmediziner, sondern der Hausarzt.

    Hausärzte sind Ansprechpartner Nr. 1

    „Hausärzte haben mit diesen Problemen täglich zu tun“, bestätigt Professor Dr. Dipl.-Psych. Bernd Löwe, Chefarzt der Universitären Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Schön Klinik Hamburg-Eilbek. Dementsprechend groß war auch das Interesse der Allgemeinmediziner an der Fortbildungs-veranstaltung. „Wir hätten gerne alle Anfragen berücksichtigt, aber aufgrund der begrenzten Räumlichkeiten mussten wir die Teilnehmerzahl auf etwa 70 Ärzte beschränken“, so Michael Robbers, Produktmanager bei Boehringer Ingelheim. Die Wahl des Veranstaltungsortes ist jedoch Teil des Konzepts: Im Rahmen der Fortbildung hatten die Mediziner so Gelegenheit, sich vor Ort ein Bild von einer der Kliniken zu machen, in die sie ihre Patienten überweisen. Denn die Hausärzte sind zwar meist erste Anlaufstelle für die Patienten, in vielen Fällen ist aber eine stationäre Weiterbehandlung erforderlich.

    Im Fokus des ersten Veranstaltungstages stand deshalb die Klinik von Professor Löwe. Das Eilbeker Klinikteam stellte Besonderheiten und aktuelle Diagnose- und Therapieansätze im Bereich der psychosomatischen Medizin vor. Anschließend hatten die teilnehmenden Ärzte die Möglichkeit, in Kleingruppen Gespräche mit Patienten zu führen. Schwerpunkt des zweiten Fortbildungstages waren die verschiedenen Therapiemöglichkeiten, die den Medizinern in ihrer eigenen Hausarztpraxis zur Behandlung der Depression, der häufigsten psychischen Erkrankung, eingesetzt werden können. Im Rahmen von Workshops erarbeiteten die Teilnehmer anschließend gemeinsam mit Experten aus der Wissenschaft praktische Handlungswege im Umgang mit zwei Themen, die insbesondere im Zusammenhang mit depressiven Erkrankungen eine große Rolle spielen: Suizidalität und Therapietreue.

    Wechselspiel zwischen Körper und Seele

    Die Universitäre Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Schön Klinik Hamburg-Eilbek hat sich auf die Behandlung von Patienten spezialisiert, deren Erkrankung sowohl psychische als auch somatische Aspekte hat. „Der Unterschied zu einer rein Psychiatrischen Klinik ist, dass zu uns Patienten kommen, die an Körper und Seele leiden“, erklärte Professor Löwe. Dabei sei es für die Therapie von nachrangiger Bedeutung, ob der Patient zum Beispiel erst depressiv war und dann körperlich krank geworden ist oder umgekehrt. Entscheidend sei vielmehr, den Patienten dort abzuholen, wo er steht und seine subjektive Krankheitstheorie ernst zu nehmen.

    Problem Diagnose

    Dass Krankheiten häufig ein Wechselspiel zwischen Körper und Seele darstellen, zeigt sich deutlich am Beispiel der Depression. So stellen sich rund 70 Prozent aller Patienten mit dieser Erkrankung ausschließlich mit körperlichen Symptomen vor. (4) „Die Patienten kommen typischerweise zum Hausarzt und sagen beispielsweise ‚Ich habe Rückenschmerzen oder Bauchschmerzen’, aber sie präsentieren selten psychische Symptome“, so Professor Löwe. Das mache es im Nicht-Facharzt-Bereich so schwer, depressive Störungen wahrzunehmen. Auch andere Faktoren wie Zeitmangel könnten die Diagnostik wesentlich erschweren.

    ‚Verlust-Fragen’ als Schlüssel zur Seele

    Wissenschaftlich entwickelte Fragebögen wie der so genannte Gesundheitsfragebogen für Patienten (PHQ-D) können helfen, eine Depression zu erkennen. Allerdings ist es oft hilfreich, abstrakte Formulierungen wie z. B. die Frage nach Interessen- oder Antriebsverlustverlust zunächst in die individuelle Lebensrealität der Patienten umzusetzen. „Dabei befinden sich Hausärzte gewissermaßen in einer privilegierten Situation“, meint Oberarzt Dr. Carsten Spitzer, „Sie kennen ihre Patienten und wissen viel, was wir uns in der Klinik erstmal mühsam erarbeiten müssen.“ Spitzer empfahl den Fortbildungsteilnehmern deshalb, ganz konkrete Fragen zu stellen. „Wenn Sie Ihren Patienten danach fragen, was seine Skat-Runde macht und Sie hören, statt jede Woche geht er nur noch einmal im Quartal dorthin, dann wissen Sie, er hat ein Antriebs-Problem.“ Hilfreich könne auch sein, die Patienten nach Ihrer Zukunfts-Perspektive zu fragen. Die Leitende Psychologin der Klinik, Dipl.-Psych. Kerstin Gräfe, forderte die Ärzte auf, ihre Patienten direkt auf psychische Beschwerden anzusprechen: „Je offener Sie es als Arzt ansprechen, um so offener kann der Patient darüber reden.“

    Die Qual der Wahl: Psychotherapie oder Medikation?

    Ist die Diagnose ‚Depression’ gesichert, stellt sich die Frage nach der adäquaten Therapiemethode. Im Wesentlichen geht es um die Entscheidung zwischen einer medikamentösen Behandlung oder einer Psychotherapie. Besonders im Bereich der Pharmakotherapie gab es in den letzten Jahren viele neue Entwicklungen. So wurden beispielsweise Substanzen entwickelt, die sowohl die psychischen Symptome als auch die körperlich-schmerzhaften Symptome im Rahmen einer Depression verbessern können. Welche Therapie für den jeweiligen Patienten am besten geeignet ist und ob evtl. auch eine Kombination verschiedener Methoden in Frage kommt, sollte individuell entschieden werden. „Ziel der Therapie muss jedoch stets sein, eine vollständige Symptomfreiheit zu erreichen, da sonst die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass der Patient erneut erkrankt“, betonte Professor Dr. Here Folkerts, Wilhelmshaven.

    Gemeinsame Entscheidungen sind die ‚halbe Miete’

    Entscheidendes Kriterium für den Behandlungserfolg ist dabei die Einbeziehung des Patienten in die Therapieentscheidungen, das so genannte shared decision making. Nur wenn der Patient umfassend über seine Erkrankung und die Vor- und Nachteile der verschiedenen Therapieoptionen aufgeklärt wird und seine Vorlieben und Abneigungen in die Entscheidung miteinbezogen werden, wird er die Therapie mitgehen. Wichtig ist dabei auch, persönliche Ziele des Patienten mit ins Gespräch zu holen und positive Aspekte der Behandlung herauszustellen. „Das ist die halbe Miete im Aufbau von Therapietreue“, ist Dr. Dipl.-Psych. Andreas Loh, Freiburg, überzeugt.

    Suizidalität und Depression

    Auch die Suizidprävention spielt im Rahmen der Depressionsbehandlung eine wichtige Rolle. So liegt bei 60 Prozent aller Suizide eine depressive Erkrankung vor. (5) Dr. Dipl.-Psych. Roland Vauth, Basel, stellte im Rahmen der Fortbildung eine Checkliste vor, anhand derer die Ärzte das individuelle Suizidrisiko eines Patienten abschätzen können. Der so genannte TASR (= Tool for Assessment of Suicide Risk) umfasst personenbezogene Risikomarker wie Geschlecht und Alter des Patienten, symptombezogene Risikomarker wie Hoffnungslosigkeit oder Depressivität und Risikomarker aus dem Therapiegespräch wie die Äußerung von Suizidgedanken. „Bei der Beurteilung der Suizidgefährdung Ihres Patienten sind alle diese Dinge entscheidend, am wichtigsten sind aber die Informationen, die Sie aus dem Therapiegespräch erfahren“, betonte Vauth.

    Nachfrage bestätigt den Erfolg

    Wie wichtig Fortbildungsveranstaltungen zum Thema ‚Diagnose und Therapie von Depressionen’ sind und wie gut das Konzept der Veranstaltung ankam, das bestätigten im Anschluss der Veranstaltung die Teilnehmer: „Das Thema wird selten angeboten, obwohl es in der Praxis sehr häufig relevant ist. Mir haben vor allem die Gruppenarbeiten und der Erfahrungsaustausch unter den Kollegen gefallen. Insgesamt war es eine super Veranstaltung.“ Auch Professor Löwe freute sich über die erfolgreiche Veranstaltung: „Mein Eindruck war, dass diese Fortbildung ein ganz relevantes Thema berührt hat und die Hausärzte ein Rieseninteresse hatten. Für mich war an dieser Fortbildung entscheidend, dass ich gespürt habe, dass es extrem wichtig ist, dass Bedarf besteht an der Fortbildung und daran, sich weiterzubilden. Außerdem fand ich es besonders positiv, dass ein echter Dialog stattfand zwischen Hausärzten, Klinikern und Wissenschaftlern.“

    Informationen: Universitäre Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (Psychosomatische Klinik), Schön Klinik Hamburg-Eilbek
    http://www.schoen-kliniken.de/ptp/kkh/eil/faz/psychosomatik/akt/news/000...

    Quellen

    1 BARMER Ersatzkasse. BARMER Gesundheitsreport 2009; S. 43. PDF online
    2 Techniker Krankenkasse. Gesundheitsreport 2009; S. 26-27. PDF online abrufbar
    3 Bertelsmann Stiftung. Newsletter gesundheitsmonitor 1/2009; S. 3. PDF online
    4 Simon GE et al.. An international study of the relation between somatic symptoms and depression. N Engl J Med. 1999 Oct 28; 341(18): 1329-35.
    5 Rihmer Z. Suicide risk in mood disorders. Curr Opin Psychiatry. 2007 Jan; 20(1):17-22.

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